Kapitel 6.2. Vom Ursprung des Surprise-Ansatzes

Im Jahr 1972 veröffentlichten Christine und Ernst Ulrich von Weizsäcker den Aufsatz „Wiederaufnahme der begrifflichen Frage: Was ist Information?“ in der Zeitschrift Nova Acta Leopoldina (Band 206).

Sie untersuchten dabei die Bedeutung der Begriffe „Erstmaligkeit“ und „Bestätigung“. Mit Sicherheit hatten die Autoren damals nicht primär an Marketing, sondern eher an Erkenntnistheorie, Kybernetik und Evolution gedacht.

Für meine eigenen Forschungen war dieser Aufsatz eine wichtige Inspiration. Zunächst ist der Titel schon äußerst bemerkenswert. Er suggeriert, dass Handlungsbedarf besteht, den Begriff der Information besser zu durchleuchten. Ist Information nicht etwas selbstverständliches? Etwa ein Eintrag in einer Datenbank oder unser binäres Maß – ein Bit Information als die Information die wir erhalten, wenn eine JA/NEIN-Frage beantwortet wird, bei der jeweils mit 50 % JA bzw. NEIN erwartet wird.

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist der Sohn des Physikers Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Seine Frau Christine ist Biologin. Vielleicht ist es die Synergie der Fachbereiche Physik und Biologie, die einen erst auf die Idee kommen lässt, dass der Informationsbegriff unzureichend erfasst ist.

Ein Streifzug durch Google Books verrät auch, dass sich zahlreiche Wissenschaftler durch den oben zitierten Aufsatz haben inspirieren lassen. Und nun – 38 Jahre später – entwickelt sich die mathematische Erfassung des Begriffs „Erstmaligkeit“ quasi zum Turbo des Neuromarketing.

Eine meines Erachtens geniale künstlerische Interpretation von „Surprise“ zeigt folgender Kurzfilm:

Die Wirkung des Films beruht sicher auch daruf, dass sich (zunächst) kein Kausalnexus erschliesst. Die Pointe am Schluss markiert den Umkehrpunkt unserer Erwartungshaltung. Beim zweiten Betrachten vollzieht sich der Wechsel von „Erstmaligkeit“ zu „Bestätigung“.

Neue Serienformate aus den USA (zum Beispiel LOST) setzen – bewusst oder unbewusst – auf dieses Prinzip. Die Erstmaligkeit wird quasi zum Bestandteil der Erwartungshaltung.

Kapitel 6.1: Der Surprise Quotient (SQ) – eine lange Geschichte

„This generation has largely solved the main problems of the brain so far as its objectice behavior is concerned; the nature of its subjective aspects may be left to the next generation, if only to reassure that there are still major scientific worlds left to conquer!“  W. Ross Ashby 1962

Vor einem halben Jahrhundert hat sich der Kybernetiker W. Ross Ashby mit mathematischen und technischen Modellen beschäftigt, die die Funktionsweise des Gehirns simulieren sollten.

Die Qunitessenz seiner Arbeiten: Wir müssen das Gehirn als ein subjektiv arbeitendes System verstehen: „Now we are considering the general theory of the system that ‘observes’ itself internally. Such a branch of general system theory has hardly been started.“

Fünfzig Jahre später fangen wir gerade erst an, ein soziales System wie ein neuronales Netzwerk zu interpretieren. Nicht nur Kybernetiker wie Ashby, auch Soziologen wie Niklas Luhmann haben sich mit so genannten selbstreferentiellen Systemen beschäftigt. Wir beobachten Social Networks, in denen über User Generated Content Meinungen (= subjektive Information) ausgetauscht wird.

Egal ob es sich um eine DSDS-Fangruppe oder eine Apple User Group handelt – es sind Netzwerke, die sich weitgehend selbst normieren. Manchmal scheinen solche Prozesse zu einer Art Wärmetod zu führen.

So schnappte ich neulich – ich glaube, es war im Xing-Moderatorenforum – folgendes Gleichnis zu social networks auf: Die Mitglieder eines social networks verhalten sich wie eine spezielle Quallenart, die ihr Gehirn nur dazu einsetzt, ein optimales Umfeldmilieu aufzusuchen. Ist dieser Zielpunkt erreicht, wird das Gehirn verdaut.

Wir soll man nun aus Millionen von Kommentaren die relevante Information herausfinden? Die Suche nach objektiver Information wäre schon im Ansatz verfehlt. Welcher Kommentar hebt sich nun vom grauen Rauschen der Masse ab?

Kürzlich ist es gelungen Überraschungswerte (surprise values) für Textbeiträge zu ermitteln. Ein sich selbst normierendes System reflektiert Erwartungshaltungen und Hypothesen.

Beispiele für graues Rauschen:

Hund beißt Briefträger.           (Surprise= 0,8)

Das Frühstück im Hotel war lecker. (Surprise = 0,7)

Beispiel für Brechung von Hypothesen:

Briefträger beißt Hund (Surprise = 1,3)

Elefant beißt Briefträger (Surprise = 1,5)

Im Frühstücksei war ein lebendes Embrio (Surprise = 2,1).

Bei der Suche nach relevanter Information ist der Surprise Quotient ein hilfreicher Scout. Mehr dazu im nächsten Teilkapitel.

Literatur: W. Ross Ashby: „What Is Mind? Objective and Subjective Aspects in Cybernetics“ 1962, In: Theories of the Mind, Edited by Jordan M. Scher, New York: The Free Press, Seite 305-313

Kapitel 5: Von Beyond Logic zum freien Fall

Die Aussagen von Lester Wunderman deuten auf eine philosophische Dimension des neuronalen Marketing hin. Gibt es eine Möglichkeit, dieses beyond logic näher einzugrenzen?

Sehr hilfreich und empfehlenswert sind die Aussagen von Jochen Thinius zum Neuromarketing:

Hervorzuheben ist die Reflexion, was Neuromarketing für den Werbetreibenden, also den Sender der Werbeinformationen, bedeutet. Hier fordert Thinius den „freien Fall“.

Wie ist das zu verstehen?

Hervorzuheben ist ein eine sehr zentrale Aussage des Videos:

Es gehört Kreativität dazu, die Tatsachen zu erkennen.“ Jochen Thinius

Diese Aussage ist so genial, dass sie auf den ersten Blick nicht zu verstehen ist. Sind denn die Tatsachen nicht gerade das Einfache, das nur zwei Mouseclicks entfernte?

Oder ist es so, dass die sich die Tatsachen – aufgefasst als das Wesen der Dinge – sehr gut zu verstecken wissen?

Ich assoziiere das Bild des freien Falls von Thinius mit dem Bild des Sprungs bei Heidegger und Nietzsche. Im Wintersemster 1951/52 hielt Martin Heidegger eine Vorlesung, die unter dem Titel „Was heißt Denken?“ als handliches Reclam-Büchlein erschienen ist.

Heidegger erläutert den Sprung am Beispiel eines blühendes Baums. Ist der Baum lediglich Teil unserer Vorstellung oder gibt es einen Zugang zum blühenden Baum an sich?

Dazu Heidegger:

Wir stehen z.B. vor einem blühenden Baum – und der Baum steht vor uns. Er stellt sich uns vor. Der Baum und wir stellen uns einander vor, indem der Baum dasteht und wir ihm gegenüber stehen. In die Beziehung zueinander – voreinander gestellt, sind der Baum und wir.

Zunächst ist dieser Einstieg typisch Heidegger: das Wort „Vorstellung“ wird in seinen etymologischen Wirkzusammenhang zerlegt. Durch diese Formulierung – die weit mehr ist als nur ein sprachlicher Trick – gewinnt der Baum plötzlich ein Eigenleben: Er stellt sich uns ja vor. Ich assoziiere unweigerlich die Ents aus Tolkiens Welt.

Dann Heidegger weiter:

„Halten wir hier einen Augenblick inne, so wie wenn wir Atem holen wollen vor oder nach einem Sprung. … Eine seltsame Sache oder gar eine unheimliche Sache, daß wir erst auf den Boden springen müssen, auf dem wir eigentlich stehen.“

Weiter geht Heidegger darauf ein – im Jahr 1951 ! – dass man den Vorgang des Betrachtens eines blühenden Baumes mit Apparaten beobachten kann. Hat er also schon Neuromarketing antizipiert? Er stellt dann aber folgende Frage:

Wo bleibt bei den wissenschaftlich registrierbaren Gehirnströmen der blühende Baum?

Und dann weiter:

Ist die Erde in unserem Kopf? Oder stehen wir auf der Erde?

Sobald wir diese Frage reflektieren – und für uns eine Entscheidung treffen – wagen wir den Sprung beziehungsweise den freien Fall. Die Welt wird für uns zur Tat-Sache.

Ein sehr schönes Beispiel für einen erfolgreichen Sprung liefert Dan Draper in der Serie Mad Men. In einer Folge geht es darum, einen neues, drehbares Diamagazin für die Firma Kodak zu vermarkten. Ursprünglich sollte es „wheel“ heißen. Doch dann kommt Dan Draper mit einem alternativen Vorschlag:

Video auf youtube

Draper hat die Tat-Sachen des Lebens erkannt, Verzweiflung und Sehnsucht fusionieren zu einer herben Süßigkeit. Das Carousel steht sowohl für Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen als auch für das ‘Meer vom Selben’, das Thinius anspricht.

Wie kann uns Neuromarketing beim freien Fall helfen?

Das Beispiel des blühenden Baums hat mich zu einem Experiment angeregt. Anbei zwei Links zu Videos mit blühenden Bäumen: Blühender Bäume A und Blühende Bäume B.

Welches der beiden Videos wirkt intensiver?
Für mich persönlich ist es das Video mit der unterlegten klassischen Musik. Dies passt gut zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hervorzuheben ist der Fachartikel Music, language and meaning: brain signatures of semantic processing von Prof. Dr. Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin.
Eine der zentralen Aussagen dieser Arbeit:

The present data show that music cannot only influence the processing of words, but it can also prime representations of meaningful concepts, be they abstract or concrete, independent of the emotional content of these concepts.“

In Sinne dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse können wir also folgern:

Klassische Musik hilft uns, die Tatsachen zu erkennen.

Kapitel 4: Beyond logic – wie emotionales Neuromarketing funktionieren kann

Da die komplexen Vernetzungen des Internet durch eine frei zugängliche Suchmaschine aus Kalifornien jedermann zugänglich sind hat sich eine endgültige Demokratisierung des Wissens eingestellt. Schule und Studium erscheinen zunehmend obsolet – warum den Umweg über Pädagogen nehmen, wo doch der Output – das Wissen selbst also – wie ein endloses Frühstücksbuffet für alle bereitet offensteht.
Was hat es mit dem Urknall auf sich? Kein Problem – drei Minuten wikipedia reichen doch zur Antwort. Wie kam es zur Finanzkrise? Drei oder vier Links auf Google checken, das sollte reichen. Wie funktioniert eigentlich das Gehirn? Hier wäre ein youtube-Video das Mittel der Wahl.

In der Tat kann man fast nichts mehr im Netz anclicken, ohne dass einem das Gehirn erklärt wird.
Hier ein Beispiel:

Mich hat dieser Unterricht beeindruckt. Eine Information ohne Emotion sei also völlig wertlos. Sehr interessant.

Früher gab es ganz bestimmte Umgangsformen und Vorgehensweisen, wenn es um Wissenschaft ging. Man sagt nicht einfach nur so Formulierungen wie „Die Wissenschaft hat bewiesen, dass…“. Warum nicht? Nun, man kann ja prinzipiell so alles mögliche sagen. Wie wäre es mit: „Die Wissenschaft hat bewiesen, dass die Sterne den Ablauf der Bundesliga beeinflussen, weil Arjen Robben Wassermann und Franck Ribéry Widder ist. Bekanntlich regt die Power des Widders den Wassermann an. Dies erkläre die Weltklassetore des Arjen Roben.“ In der Wissenschaft würde sofort gefragt: Welcher Wissenschaftler x hat das in welcher Zeitschrift y mit welchem Beleg z begründet? Natürlich habe ich mir die Geschichte ausgedacht und kann rein gar nichts in diesem Zusammenhang beweisen.

Was sagt nun „die“ Gehirnforschung zum Verhältnis von Information und Emotion? Hier muss man klipp und klar sagen, dass die Gehirnforschung nich sehr weit davon entfernt ist, hier ein erklärendes Modell zu liefern. Wir sind ganz gut darin zu verstehen, wie unser Sehvermögen funktioniert (mathematische Modelle zur Sehrinde). Auch Lernen und Gedächtnis scheinen sich mathematischen bzw. funktionalen Modellem zu öffnen.

Dennoch: Es gibt durchaus wissenschaftliche Aussagen zum Verhältnis von Emotion und Information.

Die Wissenschaft, die sich mit dem Verhältnis von Emotion und Information beschäftigt, ist die Psychologie.

Die Forschung zur Rolle der Emotion bei der Informationsverarbeitung begann mit Gordon Bower. Bower ist ein anerkannter Psychologe, der zur Zeit als Emeritus an der Universität Stanford weilt. Sehr vereinfacht hat Bower ein Modell entwickelt, nach dem sich die Stimmungen während der Informationsverarbeitung mit ins Gedächtnis einbrennen. Dies führt zum Modell der stimmungskongruenten Verarbeitung: Wir nehmen also Information besser wahr, wenn sich unser emotionales Gedächtnis erinnert. (Literatur: Lehrbuch Psychologie von Philip G. Zimbardo und Richard J. Gerrig).

Dies bedeutet nun eben nicht, dass unser Gehirn ein leerer Topf ist, in den Emotion + Information gleichsam wie Sauerkraut + Wurst einfach reingelegt wird. Das Gehirn ist eben kein passives Organ und es verhält sich äußerst individuell. Stellen wir uns die Werbe-Information als eine Metall-Kugel vor und das emotionale Gedächtnis als ein gespanntes Trampolin. Ist das Trampolin ohnehin schon sehr gespannt, sollten wir die Kugel nicht mit zuviel Energie fallen lassen: Sie könnte zurückgefedert werden!

Merke: Zu aufmerksamkeitsstarke emotionale Werbereize können von der Werbebotschaft ablenken oder ihr sogar entgegenwirken! (Quelle: Kerstin Föll: Consumer Insight: Emotionspsychologische Fundierung und praktische Anleitung.)

Psychologische Modelle zur Werbewirkung gibt es ja schon sehr, sehr lange. Wie kommt es aber nun zum Hype um das Neuromarketing?

Punktuell werden Modelle aus der Psychologie durch Experimente der Gehirnforschung bestätigt.

Ein prominentes Beispiel ist der Aufsatz „Parietal ERP Activity and Appetite“ aus der Zeitschrift „Motivation and Emotion“ von Luis Carretié, Francisco Mercado and Manuel Tapia aus dem Jahr 2000. Bei 60 Versuchspersonen wurde zunächst abgfragt, wie hungrig sie sind. Dann wurden Bilder mit Kuchen gezeigt und parallel wurde die Gehirnaktivität ermittelt. Und siehe da: Es gab einen Zusammenhang zwischen dem Grad des Hungers und der Reaktion beim Betrachten des Bildes.

Ich selbst dachte bisher, es sei eine Binsenweisheit, dass hungrige Menschen nicht in den Supermarkt gehen sollten. Mit dem Stempel „Gehirnforschung“ lassen sich solche Erkenntnisse natürlich besser vermarkten.

Was ist denn nun das Besondere bei der Interaktion von Emotion und Information? Hier lohnt es, Lester Wunderman zuzuhören.

Die Verknüpfung von Emotion und Information bringt uns an einen Punkt beyond logic! Auf mich wirkt Wunderman absolut authentisch.

Wir sind wieder beim Opel-Werbespot der 80er Jahre: Herrliche Musik, wunderschöne Landschaften und schon ist es eine ökologisch gute Sache, ein Auto mit Verbrennungsmotor zu fahren!

Wie gesagt: beyond logic.

Kapitel 3: Limbisches Neuromarketing – vom alten Ägypten bis zur DDR

Einen guten Überblick zu aktuellen Ansätzen im Marketing gibt Knut Walters Vortrag: „SINUS, SIGMA, Limbic Types®. Neue Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, Menschen zu beschreiben.“ (Link).

Mich hat dabei etwas stutzig gemacht, dass das Limbische System – einer der ältesten Gehirnteile – in den Fokus des Neuromarketing gerückt ist. Das Limbische System ist eng mit dem Geruchssystem verbunden. Nach Aristoteles steht es an der Schnittstelle zwischen animalischen und menschlichen Sinnen.
Im alten Ägypten und im alten Rom haben sich bereits soziale Milieus durch den Geruch unterschieden:
In den hochentwickelten Kulturen der Antike dienten Gerüche auch der Etikettierung, Klassifizierung und Identifizierung sozialer Gruppen und Individuen. Die Unterscheidung zwischen Arm und Reich, Männern und Frauen, Stadt- und Landbevölkerung beispielsweise erfolgte demnach über die Nase. (Classen et al. (1994), The Cultural History of Smell, S. 33-38.)

Die Menschen der Antike haben also durch das Auftragen bestimmter Düfte Marketing in eigener Sache betrieben. Es verwundert, dass sich Neurowissenschaften und Konsumgüterhersteller erst seit kurzem intensiver mit diesem Thema befassen. Zum Beispiel gab es 2009 in Frankreich einen Fachkongress „Cosmetic and Sensory. From neurosciences to marketing“. (Link)

Eine Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in diesem Bereich erscheint nachvollziehbar und sinnvoll. Allerdings ist dies nach wie vor ein Marketing, dass die Neandertaler-Etage der Maslowschen Bedürfnispyramide adressiert.

Spielt das Limbische System auch eine Rolle, wenn wir uns für eine Sorte Bier entscheiden (Radeberger oder Becks?) Neue, patentierte Verfahren suggerieren das.

Neugierig geworden recherchierte ich beim Patentamt. Was ist eigentlich rund um das Limbische System so alles patentiert worden?

Dabei sprang mir folgendes ins Auge: Am 28. März 1987 wurde von der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock (DDR) ein Patent mit dem Titel „Stirnband zur Synchronisation der endogenen Schrittmacherstrukturen des Zentralnervensystems“ angemeldet.
In der Zusammenfassung aus der internationalen Anmeldung heißt es: „The invention relates to a headband for the stable synchronisation of the endogenous pace-maker structures of the human central nervous system (especially the limbic system) in order to enhance the general well-being and the mental performance of a human being, especially in closed buildings and during driving of a motor vehicle.“.

Der Sachverhalt als solcher hat es schon in sich: Die DDR entwickelt ein Stirnband, dass den Bewusstseinszustand der Menschen beeinflussen soll. Eine Technologie mit Orwell’schem Beigeschmack – zum Patent angemeldet im gleichen Jahr, in dem die Stasi eine Razzia in der Ostberliner Umwelt-Bibliothek durchführte.

Wie reagierte nun das (west)deutsche Patentamt auf die Anemldung? Zunächst wird gewissenhaft der Stand der Technik geprürft und ggf. werden Patent-Dokumente entgegengehalten, die beweisen, dass die Idee nicht neu ist. Nun wurde konkret ein Patent aus den USA entgegengehalten:

In der Patentschrift erwähnt Fred H. Brown, dass die Apparatur zu therapeutischen Zwecken dienen soll. Er erwähnt auch einen dazugehörigen Behandlungsstuhl, der seperat patentiert werden soll. Als Ort der Erfindung wurde Chicago angegeben. Wahrscheinlich ist dieser F.H. Brown identisch mit dem gleichnamigen Science-Fiction-Autor, der zur gleichen Zeit eine Geschichte veröffentlicht, in der von einer sozialistischen Gesellschaft auf dem Mond berichtet wird.

Das DDR-Patent hat auf den ersten Blick nicht viel mit Marketing zu tun. Im Lettre International erschien ein hochinteressanter Essay zum ‘Marketing’ in der DDR. Dort heißt es, dass das Marketing sich um die „Erfordernissen der allseitigen Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit“ zu kümmern hatte. Hätte der Gehirn-Stimulator den Trabant-Fahrer glücklicher gemacht?
Die Staatssicherheit hätte die Kenntnisse über verschiedene ‘limbische Typen’ basierend auf der patentierten Technologie nutzen können: Man musste nur die richtige elektromagnetische Frequenz finden, um die Abenteurer-Typen auszuschalten.

In unserer freiheitlichen Ordnung entfällt natürlich die Notwendigkeit und Möglichkeit der Kontrolle. Abenteurer sein im Sinne des limbischen Marketing äußert sich nicht in Republik- sondern in Alltagsflucht: Welcome to the Beck’s experience…

Kapitel 2: Vom Neuromarketing zur Neurosoziologie

Was ist nun mit der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide? Wie kann man Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichung für das Marketing erfassen?

Was können wir also aus neuronalen Reaktionsmustern wirklich herauslesen? Wenn Hegels einfache Gleichung Denken=Pissen (siehe Zitat aus Kapitel 1) gilt, lautet die Antwort: Aus den neuronalen Reaktionsmustern können wir nichts Wesentliches herauslesen. Zu dieser Erkenntnis paart sich zunehmend eine Beunruhigung, wenn unsere Gehirne von Apparaten abgetastet werden. Wie groß ist da noch der Abstand zur Aversionstherapie aus Kubrick’s Uhrwerk Orange? (siehe Artikel).
Wahrscheinlich wird schon in naher Zukunft das Neuromarketing Marketing in eigener Sache betreiben müssen.

Individualbedürfnisse setzen ein Individuum voraus. Das Individuum setzt wiederum Kultur voraus. Dies folgt schon aus den weisen Worten Spinozas: omnis determinatio est negatio.  Ein beliebiges X, das für uns Bedeutung erlangt, erlangt diese meist durch Abgrenzung von einem Y. Man ergreift Partei. Wer die CDU unterstützt, grenzt sich zum Beispiel aktiv gegen die SPD oder die Linkspartei ab. Wer Anhänger des FC Schalke 04 ist, ist erbitterter Gegner von Borussia Dortmund. Eine anspruchsvolle Türkei-Urlauberin grenzt sich von den Urlaubern ab, die sich ‘nur von Pommes und Nudeln ernähren’. Das Vehikel, das all diese Abgrenzungen vornimmt, ist unsere Sprache.

Wie wird nun Sprache in unserem Gehirn gespeichert? Die Gehirnforschung zeigt, dass unsere Großhirnrinde einem Assoziativspeicher ähnelt. Eine selbstorganisierte Struktur, die Informationen in den Synapsen, also den Verbindungen zwischen Nervenzellen, codiert. Das Gehirn arbeitet dabei selbstreferentiell, das heißt, es entwickelt seine eigene Codierung. Die Komplexität dieser Codierung läßt sich am ehesten mit der Struktur eines Hologramms vergleichen. Das mathematische Konzept dieser Art der Informationsspeicherung ist die interne Repräsentation. (Literatur: sieheLink).

Zwischenfazit: Unser kulturelles Wissen ist in unserem Gehirn verschlüsselt gespeichert.Weder Neuromarketing noch Gehirnforschung werden die Integrität unseres individuellen Seins in Frage stellen.

Das wir nun aber assoziativ denkende Menschen sind, hat aber gravierende Auswirkungen. Vor allem begünstigt dies die Erfolgsaussichten von Marketingaktivitäten.

Was ist Marketing? Unter anderem eine konzeptionelle Unternehmensführung, die sich an den Bedürfnissen potentieller Kunden orientiert.

Nehmen wir eine Autofirma, die einen neuen Abgasfilter einführen will. Müssen die Kunden die Technologie und den Nutzen intellektuell komplett nachvollziehen? Eine Technologie, die sich gut anfühlt, muss nicht mehr erklärt werden. Jeder, der folgenden Werbespot betrachtet hat, wird mit dem Gefühl entlassen, dass ein geregelter Katalysator gut für die Umwelt ist.

In den Zeiten des Internet haben wir so viele aktive Autoren unter uns wie noch nie. Egal ob nun jemand ein Blog betreibt oder einen Kommentar zu einem Produkt verfasst – wir artikulieren uns und geben damit Teile unseres assoziativen Selbst preis. Die Sprache, die wir verwenden, gibt bereits Auskunft über uns. Die Inhalte, die wir beschreiben, geben Auskunft über unsere Interessen.

Was nun modern User Generated Content heißt, ist also der Output eines assoziativ denkenden Individuums, das in ein kulturelles Milieu eingebunden ist. Vor wenigen Monaten wurden Experimente durchgeführt mit dem Ziel, die assoziative Struktur dieser kulturellen Milieus zu erfassen. Künstliche neuronale Netze filtern gerade die Inhalte und Attribute heraus, mit denen sich einzelne soziale Mileus voneinander abgrenzen. Konkret hinterläßt somit der Etablierte, der moderne Performer oder der Konsum-Materialist einen sozialen Fingerabdruck im Internet, der maschinell ausgewertet werden kann.

Neurosoziologie ähnelt – frei nach Hegel – der Analyse von Blut- oder Urinproben.  Der Arzt kann etwa zurückschliessen, dass eine Person Alkohol getrunken hat. Warum der Alkohol mit wem getrunken wurde und was die Person dabei empfunden hat, das alles kann der Arzt der Probe nicht entnehmen.

Der User Generated Content verrät also einiges über die Bedürfnisse der Menschen – ja, auch zum Teil über ihre Assoziationsstruktur. Die kulturelle Struktur wird aber erst in der Überlagerung sehr vieler Texte vieler verschiedener Menschen sichtbar. Die Neurosoziologie stellt keinen Angriff auf die individuelle Integrität des Menschen dar.

Wie stellt sich neurosoziologisches Marketing nun dar?

1. Kennenlernen der Bedürfnisse der Zielgruppen. Hierzu wird User Generated Content eingelesen und auf ein künstliches neuronales Netz übertragen.

2. Abgleich mit den Attributen des Produktes bzw. der Dienstleistung, deren Markenprofil geschärft werden soll.

3. Zielgerichtete Kommunikation mit einzelnen sozialen Milieus (konkrete Anwendungen sind zum Beispiel Sinus-Filter für Google-Adwords).

4. Zirkuläre Erfolgsmessung durch erneutes Einlesen des UGC.

Streuverluste können vermieden werden und das Profil der Marke wird geschärft. Für eine horizontale Diversifikation werden die abgrenzenden Attribute gleich mitgeliefert.

Nachdem in den ersten beiden Kapiteln einiges von den ‘kalten’ Neurowissenschaften zu erfahren war, sollte das Schlusswort dieses Kapitels dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Prof. Peter Strohschneider, vorbehalten sein:

„Die Frage, wie wir unser Dasein führen können und sollen, ist keine Frage, welche die Neurowissenschaften allein zu beantworten vermögen. Die wissenschaftliche Auslegung der Welt und entsprechende Begründungen unseres Verhaltens in ihr sind und bleiben Sache der Geisteswissenschaften.“

Kapitel 1: Von der Phrenologie zum Neuromarketing

„Gehirnfibern u. dgl. als das Sein des Geistes betrachtet, sind schon eine gedachte, nur hypothetische, nichtdaseiende, nicht gefühlte, gesehene, nicht die wahre Wirklichkeit.“ Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Die Phrenologie ist eine Pseudowissenschaft, die vor etwa 200 Jahren begründet wurde. Ihre Begründer glaubten, einen Zusammenhang zwischen Schädelform und bestimmten Hirnregionen auf der einen Seite und bestimmten Verhaltensweise und intellektuellen Fähigkeiten auf der anderen Seite begründen zu können.

Illustriert wird dieses Schema durch den ‘Fowler-Schädel’, eine auf Lorenzo Niles Fowler zurückgehende Darstellung:

So findet sich zum Beispiel ‘blandness’ – also Sanftheit in der linken Gehirnhälfte zwischen Stirnhirn und Schädeldach. Man kann sich schon vorstellen, wie solche Ideen in die Welt gekommen sind. Personen mit einer Schädelverletzung zeigen mitunter Persönlichkeitsveränderungen.

Es handelt sich also schlicht und ergreifend um eine Korrelation. Die Schädelverletzung (A) und die Persönlichkeitsveränderung (B) werden im gleichen Beobachtungszeitraum registriert.

Nicht erst seit David Hume sollte bekannt sein, dass das zeitlich aufeinanderfolgende  Auftreten zweier Ereignisse A und B noch nicht gleich Kausalität zwischen A und B bedeutet. Wenn auf meinem Frühstückstisch eine Tüte Milch umkippt (A) und kurz darauf Unruhen in Kirgistan ausbrechen (B), so würde doch niemand mir die Schuld an den Unruhen zuschreiben.

Heute werden bildgebende Verfahren verwendet, um die Aktivität des Gehirns bei Menschen zu beobachten, die bestimmte Aufgaben ausführen oder bestimmte Dinge beobachten.

Man kann zum Beispiel sehen, welche Gehirnregionen aktiv sind, wenn ich eine Flasche Cola beobachte, während ich sehr durstig bin. Dann kann man den Versuch wiederholen und sehen, ob eventuell andere Areale aktiv werden, nachdem ich eine Flasche Cola getrunken habe und erneut eine Flasche Cola sehe. Reagiert mein Gehirn anders bei einer Flasche Cola light?

Ist unser Gehirn also das ‘Organ der Seele’ und kann man nun mit neuen Maschinen direkt auf unsere Seele schauen? Man würde mich als Konsumenten komplett durchsschauen. Es wäre ein Kinderspiel abzuleiten, welche Sorte Cola mir zu welcher Gelegenheit am besten schmeckt. Mein neuronales Inneres wird sichtbar und das Marketing kann sich darauf einstellen: Neuromarketing.

Und was ist heute der Stand der Technik? Man hat Versuchspersonen Bilder von verschiedenen Räumen gezeigt und einzelne Bilder nach einiger Zeit wiederholt. Offenbar gibt es eine feste Korrelation bzw. eine auffindbares Muster, wenn ein Proband einen Raum zuvor schon gesehen hatte. Dies deutet in der Tat eine neue Form von Lügendetektor an: Der Proband könnte kaum leugnen, einen bestimmten Raum schon gesehen zu haben: sein Gehirn würde ihn durch charakteristische Muster ‘verraten’!

Ebenso könnte ich wahrscheinlich nicht leugnen, durstig zu sein, während ich eine Flasche Cola sehe. Ist damit die Integrität meiner Persönlichkeit gefährdet? Werde ich als Mensch zu einer Art Maschine degradiert? Nun, es fällt schon auf, dass die Experimente mit bildgebenden Verfahren mit vergleichsweise einfachen kognitiven Aufgaben arbeiten. Einige Experimente könnte man auch mit einem Hund oder eine Katze wiederholen. In unserer Entwicklungsgeschichte haben wir Gehirnstrukturen geerbt, die sich deterministisch, also wie vorherbestimmt, verhalten.

Betrachtet man die Maslowsche Bedürfnispyramide, assoziiert man sofort die  körperlichen Existenzbedürfnisse: Atmung, Schlaf, Nahrung, Wärme, Gesundheit, Wohnraum, Sexualität und Bewegung. Bezogen auf diesen Bereich hat das Neuromarketing mit Sicherheit Zukunft. Zielgerichtet kann ein Portfolio an Konsummöglichkeiten bereitet werden, an dem auch schon der Homo neanderthalensis seine Freude gehabt hätte.

Was aber ist mit dem Homo sapiens? Wie sieht es mit der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide aus? Wie steht es mit Individualbedürfnissen und Selbstverwirklichung?

Hier lohnt es, noch einmal auf den bereits oben zitierten Philosophen Hegel zurückzukommen. Hier ein etwas längeres Zitat aus der Phänomenologie des Geistes:

„Das Tiefe, das der Geist von innen heraus, aber nur bis in sein vorstellendes Bewußtsein treibt und es in diesem stehenläßt, – und die Unwissenheit dieses Bewußtseins, was das ist, was es sagt, ist dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen, welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des Organs seiner höchsten Vollendung, des Organs der Zeugung, und des Organs des Pissens naiv ausdrückt.“

Vielleicht ist die Tatsache, dass sich im Arbeitszimmer von Dr. Gregory House ein Fowler-Schädel befindet, eine typisch ironische Setzung.

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