“Gehirnfibern u. dgl. als das Sein des Geistes betrachtet, sind schon eine gedachte, nur hypothetische, nichtdaseiende, nicht gefühlte, gesehene, nicht die wahre Wirklichkeit.” Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Die Phrenologie ist eine Pseudowissenschaft, die vor etwa 200 Jahren begründet wurde. Ihre Begründer glaubten, einen Zusammenhang zwischen Schädelform und bestimmten Hirnregionen auf der einen Seite und bestimmten Verhaltensweise und intellektuellen Fähigkeiten auf der anderen Seite begründen zu können.

Illustriert wird dieses Schema durch den ‘Fowler-Schädel’, eine auf Lorenzo Niles Fowler zurückgehende Darstellung:

So findet sich zum Beispiel ‘blandness’ – also Sanftheit in der linken Gehirnhälfte zwischen Stirnhirn und Schädeldach. Man kann sich schon vorstellen, wie solche Ideen in die Welt gekommen sind. Personen mit einer Schädelverletzung zeigen mitunter Persönlichkeitsveränderungen.

Es handelt sich also schlicht und ergreifend um eine Korrelation. Die Schädelverletzung (A) und die Persönlichkeitsveränderung (B) werden im gleichen Beobachtungszeitraum registriert.

Nicht erst seit David Hume sollte bekannt sein, dass das zeitlich aufeinanderfolgende  Auftreten zweier Ereignisse A und B noch nicht gleich Kausalität zwischen A und B bedeutet. Wenn auf meinem Frühstückstisch eine Tüte Milch umkippt (A) und kurz darauf Unruhen in Kirgistan ausbrechen (B), so würde doch niemand mir die Schuld an den Unruhen zuschreiben.

Heute werden bildgebende Verfahren verwendet, um die Aktivität des Gehirns bei Menschen zu beobachten, die bestimmte Aufgaben ausführen oder bestimmte Dinge beobachten.

Man kann zum Beispiel sehen, welche Gehirnregionen aktiv sind, wenn ich eine Flasche Cola beobachte, während ich sehr durstig bin. Dann kann man den Versuch wiederholen und sehen, ob eventuell andere Areale aktiv werden, nachdem ich eine Flasche Cola getrunken habe und erneut eine Flasche Cola sehe. Reagiert mein Gehirn anders bei einer Flasche Cola light?

Ist unser Gehirn also das ‘Organ der Seele’ und kann man nun mit neuen Maschinen direkt auf unsere Seele schauen? Man würde mich als Konsumenten komplett durchsschauen. Es wäre ein Kinderspiel abzuleiten, welche Sorte Cola mir zu welcher Gelegenheit am besten schmeckt. Mein neuronales Inneres wird sichtbar und das Marketing kann sich darauf einstellen: Neuromarketing.

Und was ist heute der Stand der Technik? Man hat Versuchspersonen Bilder von verschiedenen Räumen gezeigt und einzelne Bilder nach einiger Zeit wiederholt. Offenbar gibt es eine feste Korrelation bzw. eine auffindbares Muster, wenn ein Proband einen Raum zuvor schon gesehen hatte. Dies deutet in der Tat eine neue Form von Lügendetektor an: Der Proband könnte kaum leugnen, einen bestimmten Raum schon gesehen zu haben: sein Gehirn würde ihn durch charakteristische Muster ‘verraten’!

Ebenso könnte ich wahrscheinlich nicht leugnen, durstig zu sein, während ich eine Flasche Cola sehe. Ist damit die Integrität meiner Persönlichkeit gefährdet? Werde ich als Mensch zu einer Art Maschine degradiert? Nun, es fällt schon auf, dass die Experimente mit bildgebenden Verfahren mit vergleichsweise einfachen kognitiven Aufgaben arbeiten. Einige Experimente könnte man auch mit einem Hund oder eine Katze wiederholen. In unserer Entwicklungsgeschichte haben wir Gehirnstrukturen geerbt, die sich deterministisch, also wie vorherbestimmt, verhalten.

Betrachtet man die Maslowsche Bedürfnispyramide, assoziiert man sofort die  körperlichen Existenzbedürfnisse: Atmung, Schlaf, Nahrung, Wärme, Gesundheit, Wohnraum, Sexualität und Bewegung. Bezogen auf diesen Bereich hat das Neuromarketing mit Sicherheit Zukunft. Zielgerichtet kann ein Portfolio an Konsummöglichkeiten bereitet werden, an dem auch schon der Homo neanderthalensis seine Freude gehabt hätte.

Was aber ist mit dem Homo sapiens? Wie sieht es mit der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide aus? Wie steht es mit Individualbedürfnissen und Selbstverwirklichung?

Hier lohnt es, noch einmal auf den bereits oben zitierten Philosophen Hegel zurückzukommen. Hier ein etwas längeres Zitat aus der Phänomenologie des Geistes:

“Das Tiefe, das der Geist von innen heraus, aber nur bis in sein vorstellendes Bewußtsein treibt und es in diesem stehenläßt, – und die Unwissenheit dieses Bewußtseins, was das ist, was es sagt, ist dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen, welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des Organs seiner höchsten Vollendung, des Organs der Zeugung, und des Organs des Pissens naiv ausdrückt.”

Vielleicht ist die Tatsache, dass sich im Arbeitszimmer von Dr. Gregory House ein Fowler-Schädel befindet, eine typisch ironische Setzung.