Einen guten Überblick zu aktuellen Ansätzen im Marketing gibt Knut Walters Vortrag: “SINUS, SIGMA, Limbic Types®. Neue Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, Menschen zu beschreiben.” (Link).
Mich hat dabei etwas stutzig gemacht, dass das Limbische System – einer der ältesten Gehirnteile – in den Fokus des Neuromarketing gerückt ist. Das Limbische System ist eng mit dem Geruchssystem verbunden. Nach Aristoteles steht es an der Schnittstelle zwischen animalischen und menschlichen Sinnen.
Im alten Ägypten und im alten Rom haben sich bereits soziale Milieus durch den Geruch unterschieden:
In den hochentwickelten Kulturen der Antike dienten Gerüche auch der Etikettierung, Klassifizierung und Identifizierung sozialer Gruppen und Individuen. Die Unterscheidung zwischen Arm und Reich, Männern und Frauen, Stadt- und Landbevölkerung beispielsweise erfolgte demnach über die Nase. (Classen et al. (1994), The Cultural History of Smell, S. 33-38.)
Die Menschen der Antike haben also durch das Auftragen bestimmter Düfte Marketing in eigener Sache betrieben. Es verwundert, dass sich Neurowissenschaften und Konsumgüterhersteller erst seit kurzem intensiver mit diesem Thema befassen. Zum Beispiel gab es 2009 in Frankreich einen Fachkongress “Cosmetic and Sensory. From neurosciences to marketing”. (Link)
Eine Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in diesem Bereich erscheint nachvollziehbar und sinnvoll. Allerdings ist dies nach wie vor ein Marketing, dass die Neandertaler-Etage der Maslowschen Bedürfnispyramide adressiert.
Spielt das Limbische System auch eine Rolle, wenn wir uns für eine Sorte Bier entscheiden (Radeberger oder Becks?) Neue, patentierte Verfahren suggerieren das.
Neugierig geworden recherchierte ich beim Patentamt. Was ist eigentlich rund um das Limbische System so alles patentiert worden?
Dabei sprang mir folgendes ins Auge: Am 28. März 1987 wurde von der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock (DDR) ein Patent mit dem Titel “Stirnband zur Synchronisation der endogenen Schrittmacherstrukturen des Zentralnervensystems” angemeldet.
In der Zusammenfassung aus der internationalen Anmeldung heißt es: “The invention relates to a headband for the stable synchronisation of the endogenous pace-maker structures of the human central nervous system (especially the limbic system) in order to enhance the general well-being and the mental performance of a human being, especially in closed buildings and during driving of a motor vehicle.”.
Der Sachverhalt als solcher hat es schon in sich: Die DDR entwickelt ein Stirnband, dass den Bewusstseinszustand der Menschen beeinflussen soll. Eine Technologie mit Orwell’schem Beigeschmack – zum Patent angemeldet im gleichen Jahr, in dem die Stasi eine Razzia in der Ostberliner Umwelt-Bibliothek durchführte.
Wie reagierte nun das (west)deutsche Patentamt auf die Anemldung? Zunächst wird gewissenhaft der Stand der Technik geprürft und ggf. werden Patent-Dokumente entgegengehalten, die beweisen, dass die Idee nicht neu ist. Nun wurde konkret ein Patent aus den USA entgegengehalten:
In der Patentschrift erwähnt Fred H. Brown, dass die Apparatur zu therapeutischen Zwecken dienen soll. Er erwähnt auch einen dazugehörigen Behandlungsstuhl, der seperat patentiert werden soll. Als Ort der Erfindung wurde Chicago angegeben. Wahrscheinlich ist dieser F.H. Brown identisch mit dem gleichnamigen Science-Fiction-Autor, der zur gleichen Zeit eine Geschichte veröffentlicht, in der von einer sozialistischen Gesellschaft auf dem Mond berichtet wird.
Das DDR-Patent hat auf den ersten Blick nicht viel mit Marketing zu tun. Im Lettre International erschien ein hochinteressanter Essay zum ‘Marketing’ in der DDR. Dort heißt es, dass das Marketing sich um die “Erfordernissen der allseitigen Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit” zu kümmern hatte. Hätte der Gehirn-Stimulator den Trabant-Fahrer glücklicher gemacht?
Die Staatssicherheit hätte die Kenntnisse über verschiedene ‘limbische Typen’ basierend auf der patentierten Technologie nutzen können: Man musste nur die richtige elektromagnetische Frequenz finden, um die Abenteurer-Typen auszuschalten.
In unserer freiheitlichen Ordnung entfällt natürlich die Notwendigkeit und Möglichkeit der Kontrolle. Abenteurer sein im Sinne des limbischen Marketing äußert sich nicht in Republik- sondern in Alltagsflucht: Welcome to the Beck’s experience…
