Die Aussagen von Lester Wunderman deuten auf eine philosophische Dimension des neuronalen Marketing hin. Gibt es eine Möglichkeit, dieses beyond logic näher einzugrenzen?

Sehr hilfreich und empfehlenswert sind die Aussagen von Jochen Thinius zum Neuromarketing:

Hervorzuheben ist die Reflexion, was Neuromarketing für den Werbetreibenden, also den Sender der Werbeinformationen, bedeutet. Hier fordert Thinius den “freien Fall”.

Wie ist das zu verstehen?

Hervorzuheben ist ein eine sehr zentrale Aussage des Videos:

Es gehört Kreativität dazu, die Tatsachen zu erkennen.” Jochen Thinius

Diese Aussage ist so genial, dass sie auf den ersten Blick nicht zu verstehen ist. Sind denn die Tatsachen nicht gerade das Einfache, das nur zwei Mouseclicks entfernte?

Oder ist es so, dass die sich die Tatsachen – aufgefasst als das Wesen der Dinge – sehr gut zu verstecken wissen?

Ich assoziiere das Bild des freien Falls von Thinius mit dem Bild des Sprungs bei Heidegger und Nietzsche. Im Wintersemster 1951/52 hielt Martin Heidegger eine Vorlesung, die unter dem Titel “Was heißt Denken?” als handliches Reclam-Büchlein erschienen ist.

Heidegger erläutert den Sprung am Beispiel eines blühendes Baums. Ist der Baum lediglich Teil unserer Vorstellung oder gibt es einen Zugang zum blühenden Baum an sich?

Dazu Heidegger:

Wir stehen z.B. vor einem blühenden Baum – und der Baum steht vor uns. Er stellt sich uns vor. Der Baum und wir stellen uns einander vor, indem der Baum dasteht und wir ihm gegenüber stehen. In die Beziehung zueinander – voreinander gestellt, sind der Baum und wir.

Zunächst ist dieser Einstieg typisch Heidegger: das Wort “Vorstellung” wird in seinen etymologischen Wirkzusammenhang zerlegt. Durch diese Formulierung – die weit mehr ist als nur ein sprachlicher Trick – gewinnt der Baum plötzlich ein Eigenleben: Er stellt sich uns ja vor. Ich assoziiere unweigerlich die Ents aus Tolkiens Welt.

Dann Heidegger weiter:

“Halten wir hier einen Augenblick inne, so wie wenn wir Atem holen wollen vor oder nach einem Sprung. … Eine seltsame Sache oder gar eine unheimliche Sache, daß wir erst auf den Boden springen müssen, auf dem wir eigentlich stehen.”

Weiter geht Heidegger darauf ein – im Jahr 1951 ! – dass man den Vorgang des Betrachtens eines blühenden Baumes mit Apparaten beobachten kann. Hat er also schon Neuromarketing antizipiert? Er stellt dann aber folgende Frage:

Wo bleibt bei den wissenschaftlich registrierbaren Gehirnströmen der blühende Baum?

Und dann weiter:

Ist die Erde in unserem Kopf? Oder stehen wir auf der Erde?

Sobald wir diese Frage reflektieren – und für uns eine Entscheidung treffen – wagen wir den Sprung beziehungsweise den freien Fall. Die Welt wird für uns zur Tat-Sache.

Ein sehr schönes Beispiel für einen erfolgreichen Sprung liefert Dan Draper in der Serie Mad Men. In einer Folge geht es darum, einen neues, drehbares Diamagazin für die Firma Kodak zu vermarkten. Ursprünglich sollte es “wheel” heißen. Doch dann kommt Dan Draper mit einem alternativen Vorschlag:

Video auf youtube

Draper hat die Tat-Sachen des Lebens erkannt, Verzweiflung und Sehnsucht fusionieren zu einer herben Süßigkeit. Das Carousel steht sowohl für Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen als auch für das ‘Meer vom Selben’, das Thinius anspricht.

Wie kann uns Neuromarketing beim freien Fall helfen?

Das Beispiel des blühenden Baums hat mich zu einem Experiment angeregt. Anbei zwei Links zu Videos mit blühenden Bäumen: Blühender Bäume A und Blühende Bäume B.

Welches der beiden Videos wirkt intensiver?
Für mich persönlich ist es das Video mit der unterlegten klassischen Musik. Dies passt gut zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hervorzuheben ist der Fachartikel Music, language and meaning: brain signatures of semantic processing von Prof. Dr. Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin.
Eine der zentralen Aussagen dieser Arbeit:

The present data show that music cannot only influence the processing of words, but it can also prime representations of meaningful concepts, be they abstract or concrete, independent of the emotional content of these concepts.”

In Sinne dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse können wir also folgern:

Klassische Musik hilft uns, die Tatsachen zu erkennen.