Neuroökonomie und Freiheit. Ein Einwurf.


Die Neuroökonomie beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie Menschen Entscheidungen treffen. Bildgebende Verfahren tragen nun dazu bei, die Mechanismen im Gehirn abzubilden, die an unserer Entscheidungsfindung beteiligt sind. Was bedeutet das für unser Selbstbild als freie, autonome Menschen?


Wie steht es um unseren freien Willen, wenn das Gehirn mehr und mehr wie eine Maschine betrachtet wird? Eine satirische Besprechung zum Thema findet sich auf dem Blog Neurosophie.
Hier wollen wir an zwei konkreten Beispielen besprechen, wie sich die neuen Befunde der letzten zwei Jahre auf unsere Interpretation von Entscheidungsfindung auswirken.


Beispiel A: Spontanes Eisessen
Jemand sieht beim Spazierengehen einen Eiswagen. Er wägt seinen Appetit, den Befüllungsgrad seines Portemonnaies, das Preisschild am Eiswagen und die Sortenvielfalt ab. Jetzt gibt es die Handlungsalternativen
A1. Er geht am Eiswagen vorbei.
A2. Er kauft sich ein Eis.
Nehmen wir an, er kauft sich ein Eis (A2). Nach seinen Gründen befragt wird er vielleicht sagen:
SG. „Es ist ein Frühlingstag im Herbst. Das Eis gehört für mich einfach dazu.“
Nun müssen wir aus Sicht der Neurowissenschaften davon ausgehen, dass weitere Instanzen im Gehirn an der Entscheidungsfindung beteiligt waren. Diese Instanzen handeln mitunter aus anderen Gründen, als die bewusst reflektierte und kommunizierte Ursache.
Nehmen wir zum Beispiel einen wichtigen Teil unserer Großhirnrinde, den gyrus angularis. Er ist der Mathematiker und Ökonom, aber auch der Spieler in unserem Kopf. Seine Gründe könnten wie folgt lauten:
OG1. „Eine Kugel Eis für nur 70 Cent? Das ist günstig. Tu es!“
Dann gibt es noch die Inselrinde (insula), ein Relais zwischen Erinnerung, Angst und Hoffnung. Hier kommen ganz neue Gründe zum Vorschein:
OG2. „Der Eiswagen ruft Erinnerungen an Deine Jugendfreundin Simone und an Pistazieneis hervor. Komm, wir gehen da jetzt hin und sagen dem Hippocampus, er soll die Schleusen der Erinnerung öffnen.“
Offenbar geht es hier um unbewusste Prozesse. Im Sinne von Carl Gustav Jung geht um unseren Schatten (d.h. die Gesamtheit der individuell und kollektiv-unbewussten Dispositionen des Ichs). Die Experimente der Neuroökonomie mit bildgebenden Verfahren machen also unbewusste Prozesse sichtbar.

Schlemihl

Ist dies die Rolle der Neuroökonomie? Als Schatten-stehlender Teufel wie in „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“?

Beispiel B: Nichtrauchen
Hier konnte sehr eindrucksvoll gezeigt werden, dass wirkungsvolle Videofilme aus Nichtraucher-Kampagnen ihre Wirkung aus der Aktivierung unbewusster Prozesse haben. Zum Beispiel könnte ein Videobotschaft dazu führen, dass sich jemand an einen Freund erinnert, der an Krebs verstorben ist.
Nun wird das Unterbewusstsein allgemein als primitiv und minderwertig angesehen. Aber in den Strukturen unseres Gehirns bildet sich die Historie unseres bewusst geführten Lebens ab. Die insula kann nur Erinnerungen an Gegebenheiten wachrufen, die wir einst durch freies Handeln und bewusstes Entscheiden ermöglicht haben. Dies könnte die eigentliche Kulturleistung der Neuroökonomie werden: Ein überraschend intelligibles Es sichtbar zu machen.

Das neue Blog

Unsere Betrachtungen rund um das Neuromarketing berühren zuweilen auch philosophische Fragestellungen. Da aber Neuromarketing und Philosophie doch recht verschiedene Adressaten ansprechen, gibt es nun eine Blog-Schwester namens Neurosophie:
neurosophie.wordpress.com.

Selbstverständlich werden hier weiterhin aktuelle Entwicklungen rund um das Thema Neuromarketing besprochen.

Deiktisches Marketing


In Publikationen über Neuromarketing wird häufig auf die Theorie der Spiegelneuronen verwiesen. Wenn man sich philosophisch und naturwissenschaftlich mit diesem Phänomen beschäftigt, stößt man auf eine grundlegende sprachwissenschaftliche Diskussion. Aus dem Versuch, durch Sprache gezielt Resonanzen im Gehirn auszulösen, erwächst eine Disziplin: deiktisches Marketing.


Schon vieles wurde (populär) über Spiegelneuronen berichtet. Arbeitet man die Original-Publikation von Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia gründlich durch, so findet man vor allem einen bedeutenden Paradigmenwechsel.
Früher dachte man, dass im Gehirn sensorische und motorische Information weitgehend getrennt voneinander verarbeitet werden. Rizzolatti und Sinigaglia haben gezeigt, dass diese Schubladen-Sicht keine Berechtigung hat. Sensomotorische Resonanzschleifen sind im Gehirn offenbar das „täglich Brot“. Oder anders ausgedrückt: Das Problem der Trennung zwischen Sensorik und Motorik stellt sich für das Organ des Denkens nicht.


Dies schenkt uns eine neue Perspektive zur Betrachtung des Problems der Entstehung von Sprache. Auch hier gibt es eine (künstliche) Trennung von Symbolen und dem, was die Symbole „in echt“ repräsentieren. In der Sprachtheorie wäre hier Karl Bühlers Theorie der Deixisanzuführen. Bühler erläutert, wie die Sprache konstitutiv durch Zeigeworte bedingt ist, die eng an einen Wahrnehmungsakt geknüpft sind. Leider hat Karl Bühler (1879-1963) die Theorie der Spiegelneuronen nicht mehr erlebt. In Tierversuchen konnte nachgewiesen werden, dass ein Affe, der beobachtet, wie ein anderer Affe eine Banane schält, die gleichen sensomotorischen Schleifen aktiviert, die er nutzt, wenn er selbst eine Banane schält. Dieser Mechanismus der Spiegelneuronen könnte einst die soziale Brücke bei der Entstehung von Sprache gewesen sein. Zeigeworte sind also kein Epiphänomen, sondern konstitutiv für Sprache wie sonst nichts.


Wenn diese Zeigeworte (etwa Demonstrativpronomen) so wesentlich sind, dann sollten sie auch für die Werbung relevant sein. Eine Sichtung erfolgreicher Slogans zeigt durchaus einzelne Beispiele:
Iglo: Der mit dem Blub.
Apollinaris Aus dieser Quelle trinkt die Welt.
DEA Hier ist DEA, hier tanken Sie auf.
Exquisa Keiner schmeckt mir so wie dieser.
Perwoll Ist der neu? Nein, mit Perwoll gewaschen.
Schwäbisch Hall Auf diese Steine können Sie bauen.
Storck Riesen Probieren Sie diesen.
Telegate Da werden Sie geholfen.
Thomy Hier kommt der Genuß.


Ich hatte bereits früher über Regeln für das Marketing mit einprägsamen Slogansberichtet. Werbung und Marketing sind gut beraten, Computerlinguistik und Sprachwissenschaft im Repertoire zu berücksichtigen.

Echte und unechte Erfolge des Neuromarketing


Welche Erfolgsbilanz kann das Neuromarketing aufweisen? Kürzlich wurde eine Liste mit Praxis-Beispielen veröffentlicht. Es stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Erfolge im Neuromarketing bewertet werden können. Die Analyse zeigt, dass wir es mit drei Kategorien des Neuromarketing zu tun haben.


Prof. Dr. Bela Mutschler von der Hochschule Ravensburg-Weingarten hat kürzlich eine Liste mit sieben Praxis-Beispielen des Neuromarketing veröffentlicht.
Welche der genannten Beispiele können als Erfolg des Neuromarketing gelten?
Zwei Kriterien sind hier anzusetzen:
1. Einbindung der Neurowissenschaften
Wenn das Präfix „Neuro“ eine Bedeutung haben soll, sollte das Neuromarketing sich auf konkrete neurowissenschaftliche Methoden und Ergebnisse beziehen. Sonst wäre es „Psychomarketing“.
2. Erfolgskontrolle
Die Kriterien der Werbeerfolgskontrolle sollten auch für das Neuromarketing gelten. Wie haben sich Umsätze, CTRs, Verweildauern etc. aufgrund der Kampagne verändert?


Gehen wir nun die Liste Punkt für Punkt durch. Bei der berühmten Coca-Cola-Studie ist nur das erste Kriterium erfüllt. Es zeigt sich, dass es eine Art Markengedächtnis im Gehirn gibt. Dies gilt aber nur für starke, etablierte und globale Marken. Eine konkrete Kampagne, die erfolgreich auf Ergebnisse der Studie aufbaut, ist nicht bekannt.
Das zweite Beispiel bezieht sich auf die Schaufenster-Gestaltung. Hier ist keines der beiden Kriterien erfüllt. Jeder Schaufenster-Gestalter, der ein Lehrbuchg der Psychologie konsultiert, käme zu ähnlichen Ergebnissen.
Dann folgen die beiden Beispiel Tourismus und Biermarken. Hier ist jeweils das zweite Kriterium erfüllt. Im Kern geht es um die Nutzung eines durch psychologische Kriterien befüllten Zielgruppenmodells. Wahrscheinlich hätte man auch mit einem klassischen Zielgruppenmodell, zum Beispiel den Roper Consumer Styles arbeiten können.
Das fünfte Beispiel bezieht sich auf Die Tricks der Lebensmittelindustrie . Hier geht es nur am Rande um psychologische Tricks – etwa bei der Verpackungsgestaltung und Beschriftung.
In dieselbe Kategorie gehört das Beispiel des Newsletter-Marketing.
Das letzte Beispiel bezieht sich auf Duftmarketing. Das geht zwar in die richtige Richtung, jedoch wird hier die Neurowissenschaft nur als Erklärungsmodell und nicht als Teil der Methode einbezogen.


Dabei gibt es durchaus – wenn auch wenige – Beispiele, die beide Kriterien erfüllen. Über die bemerkenswerte Studie zu Nichtraucher-Kampagnen hatte ich ja bereits berichtet.
Offenbar gibt es verschiedene Ansätze des Neuromarketing, die sich durch die Art und Weise sowie Intensität der Einbindung neurowissenschaftlicher Methoden unterscheiden.
Ein Definitionsversuch.
A. Pragmatisches Neuromarketing
Hierbei handelt es sich um eine Heuristik, die sich ein wissenschaftliches Mäntelchen überstreift.
B. Reduktionistisches Neuromarketing
Erkenntnisse aus der Neuroinformatik werden genutzt, um Wahrnehmungsprozesse der Konsumenten zu simulieren bzw. besser zu verstehen.
C. Neurowissenschaftliches Neuromarketing
Unter Einbeziehung neurowissenschaftlicher Methoden, Geräte und Experten werden neue Erkenntnisse für die Konsumentenforschung gewonnen.


Vielleicht können diese Kriterien und Definitionen hilfreich sein, um künftig transparent über Erfolge des Neuromarketing diskutieren zu können.

Unterschwellige Botschaften – damals und heute. Der Fall Judas Priest


Spektakuläre Experimente haben in den 50er Jahren den Mythos der unterschwelligen Werbung begründet. In der populärwissenschaftlichen Literatur hatte sich schnell die Meinung verbreitet, dass man Menschen wie Roboter steuern könnte. Heute wissen wir, dass es sich bei den Experimenten um eine Fälschung handelte. Doch die britische Heavy-Metal-Band Judas Priest bekam die Auswirkung dieser Kampagne zu spüren, als sie vor Gericht angeklagt wurde, gefährliche unterschwellige Botschaften einzusetzen.


Irgendein Kino in den USA der 50er Jahre. Der Film läuft und für die Zeitdauer eines Stroboskop-Blitzes wird die Botschaft „Iss Popcorn!“ eingeblendet. Die bewusst nicht wahrnehmbare Botschaft führt dazu, dass die Kinobesucher wie Zombies aufstehen und Popcorn kaufen. Der Umsatz mit Popcorn steigt an diesem Abend um dokumentierte 57,7 Prozent! Dies ist so spektakulär, dass sich später die CIA eingehend mit diesem Experiment beschäftigen wird.
Wie bereits erwähnt, wurde die 1957 von James McDonald Vicary durchgeführte Studie als Fälschung entlarvt. Die Geschichte der unterschwelligen Werbung von damals bis heute wird wunderbar dargestellt in dem Review-Artikel To buy or not buy? A review of affective priming in purchase decisionvon Mograbi & Mograbi.


Im Fall Judas Priest ging es um angebliche unterschwellige Botschaften im Album Stained Class aus dem Jahr 1978.



Sommer 1990 in Reno (Nevada). In einem spektakulären Gerichtsprozess wird eine Heavy-Metal-Band angeklagt, gefährliche unterschwellige Botschaften in die Welt gesetzt zu haben.
Fünf Jahre zuvor hören sich zwei Jugendliche, die Alkohol und Drogen nicht abgeneigt sind, das Album Stained Class von Judas Priest an. Dabei hören sie auch die Passagen ““Better by You Better Than Me”“ und „““Do It“. Die beiden entschliessen sich zum Selbstmord, einer der beiden stirbt sofort, der andere überlebt schwer verletzt.
Im Gerichtsprozess gegen Judas Priest sagen Gutachter aus, die eindeutig unter dem Eindruck der gefälschten Experimente aus den 50er Jahren stehen. Den Verlauf des Prozesses, Argumente und Hintergründe kann man hier ab Seite 3 nachlesen. Einer der damaligen Gutachter, Wilson Bryan Key, äußerte sich Jahre später in einem Interview zu dem Prozess. In diesem für mich etwas gruselige Interview erinnert mich der Gutachter an Senator Joseph McCarthy.


Nun ging das Verfahren für Judas Priest gut aus, da die Sachverständigen den Richter nicht von einem nachweisbaren kausalen Zusammenhang überzeugen konnten. Juristisch stellte sich allerdings auch die Frage, ob unterschwellige Botschaften durch die Meinungsfreiheit geschützt sind. In den USA ist der 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten die juristische Grundlage der Meinungsfreiheit:

„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu ersuchen.“



Bedeutend ist nun, dass im Rahmen des Judas-Priest-Verfahrens und später – in einem Verfahren gegen Ozzy Osbourne – festgestellt wurde, dass unterschwellige Botschaften nicht durch die Meinungsfreiheit geschützt sind. In Deutschland ist dies seit langem durch den Rundfunkstaatsvertrag geregelt:

§ 7 Inhalte von Werbung und Teleshopping, Kennzeichnung
(3) Werbung und Teleshopping müssen als solche klar erkennbar sein. Sie müssen im Fernsehen durch optische Mittel, im Hörfunk durch akustische Mittel eindeutig von anderen Programmteilen getrennt sein. In der Werbung und im Teleshopping dürfen keine unterschwelligen Techniken eingesetzt werden.



Daraus erwächst in der heutigen Zeit ein Dilemma. Denn heute gibt es bereits seriös durchgeführte Studien, die die Wirkung unterschwelliger Werbung („priming“) nachweisen (siehe o.g. Review). Wenn also durch Neuromarketing und multisensorisches Marketing wirksam unterschwellige Botschaften vermittelt werden, ist das dann erlaubt? Wo will man die Grenze ziehen zu gängigen psychologischen Tricks, die die Werbebranche seit Jahrzehnten einsetzt? Eine wissenschaftliche Sichtung und Einschätzung des Status Quo im Bereich der unterschwelligen Werbung macht Sinn. Wie Mograbi und Mograbi am Ende ihres Reviews schreiben, haben wir fundamentale moralische Fragen zu klären.

Hilfe, wir machen uns verrückt! – Eine verrückte Rezension


Ich sortiere Joghurt und Milchreis im Kühlschrank nach Verfalldatum. Vielleicht ist das ja ein klein wenig verrückt. Lothar Matthäus macht es auch so. Dann ist es verrückt. Aber es kommt noch schlimmer. Das Verfalldatum ist recht klein aufgedruckt und bei den Joghurts, die weit hinten stehen, kann ich nicht ausschließen, Joghurts fehlerhaft einsortiert zu haben. Also müssen alle Joghurts vor der Entnahme zur Kontrolle noch einmal antreten. Doch dann wird der Kühlschrank auskühlen! Und die kleinen, unschuldigen Joghurts werden ihre Kühlkurve verlassen und sich ein Syndrom einfangen. Jetzt ist mir durch glückliche Umstände ein Buch in die Hände gefallen, das mich erlösen wird: „Hilfe, wir machen uns verrückt!: Der Psychokult und die Folgen“ von Steve Ayan.


Hier ist also nun meine Rezension:
Ist das Buch gut? Ja.


Mein Problem ist nur: Mit dieser kurzen Rezension wird nur derjenige zufrieden sein, der das Buch selbst bereits gelesen hat. Also noch einmal von vorne.
Wie kann man also objektiv sagen, ob ein Buch gut ist?
Unser Freund Matthäus schrieb einst in Kapitel 7: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“. Die Frucht des Buches ist hier also meine Rezension. Wie kann ich es vermeiden, mich beim Schreiben einer Rezension verrückt zu machen? Gründe für Stress gäbe es genug. Bei Amazon hat bereits ein „Hall Of Fame Rezensent“ – aka „Top-50-Rezensent“ seine Bewertung hinterlassen. Dahinter kann man nur zurückfallen und sich blamieren.
Und dann noch die Amazon-Kategorien. Es wird zwischen „Kindle-Buch“ und „Druckbuch“ unterschieden. Druckbuch! Wikipedia sagt, ein Buch sei eine mit einer Bindung und meistens auch mit Bucheinband versehene Sammlung von bedruckten, beschriebenen, bemalten oder auch leeren Blättern aus Papier oder anderen geeigneten Materialien. Ich befolge aber Ayans Ratschläge, lasse den Druck weg und lese einfach nur ein Buch.

Ayan-Leser

Zu den wichtigen Dingen, die wir als Zivilisationsmenschen in einer elektronischen Umwelt oft vergessen, gehört das Sich-locker-machen. Dazu gehört auch, dass man Platz lässt für Albernheiten (siehe Foto). Auch Rituale gehören dazu, zum Beispiel: das Buch wie eine Barbie-Puppe aus- und einzukleiden. Nimmt man den Umschlag weg, so hält man ein grünes Buch in den Händen.
Steve Ayan beschreibt am Anfang des achten Kapitels, wie er zu Beginn seines Studiums einen grünen Buntstift ausgesucht hat – als Zeichen der Hoffnung. Ob der grüne Umschlag ebenfalls bewusst ausgesucht wurde? Das spielt eigentlich keine Rolle. Ich habe mir nur einen persönlichen Zugang gebaut , mich locker gemacht und könnte tatsächlich eine Rezension schreiben.


Steve Ayan versucht zu erklären, wie der Psychokult – von ADHS bis zu Burn-Out – in unsere Gesellschaft kam, warum er so attraktiv wirkt und wie und warum wir uns von diesem Kult abwenden sollten. Das hat offenbar viel mit unserem Themenkreis – der Neurosoziologie zu tun. Vier Zielgruppen für die Psychoindustrie werden erläutert: der Romantiker, der Betroffene, der Performer und der Besserwisser. Es stellt sich also die Frage, ob das Buch auch speziell für diejenigen, die sich für Neurosoziologie interessieren, eine Bereicherung darstellt. Gehen wir dazu einzelne Kriterien durch.


Kriterium 1: Wissenschaftlicher Gehalt
Mein Doktorvater hat mir einst beigebracht, ein wissenschaftliches Buch wie ein SPIEGEL-Heft zu handhaben: Beim SPIEGEL wird zuerst ganz hinten der Hohlspiegel gelesen. Bei einem Buch lohnt sich der Blick in das Literaturverzeichnis. Bei Ayan umfasst es zwölf Seiten und enthält eine ganze Fülle relevanter Originalarbeiten. Das erste Kriterium ist also wunderbar erfüllt.
Kriterium 2: Didaktische Qualität
Beinahe spielerisch wird der wissenschaftliche Hintergrund in den Text eingeflochten. In der Tat erfährt man sehr viel zur Geschichte und zu den Methoden der Psychologie. Meiner Meinung nach ist das sogar das Beste an dem Buch. Ich hatte – als Physiker – den Eindruck, innerhalb von zwei Stunden ein halbes Psychologiestudium durchschritten zu haben.


Aus den beiden Kriterien folgt auch schon die Stärke des Buchs: Es kann eine wirksame Schutzimpfung sein gegen eine Flut unseriöser Literatur im Kosmos der Psychoindustrie. Für die Leser dieses Blogs sicher auch eine Hilfe, um die Qualität eines Neuromarketing-Buchs besser bewerten zu können. Eine Frucht des Buches ist also, dass der Rezensent mit seiner suboptimalen Rezension gelassen umgeht und glücklich ist. Danke!

#autger – Studie zum priming auf twitter parallel zum Live-TV


Wer das Fußballspiel Österreich – Deutschland nicht nur im Fernsehen, sondern auch parallel auf twitter verfolgen konnte, der hatte einen unterhaltsamen Abend. Aus anfänglicher Kritik wurde ein Bashing-Wettbewerb, der immer stärker auf einzelne Spieler (u.a. Schmelzer und Lahm) fokussierte. Es konnten auch Effekte beobachtet werden, die von US-amerikanischen Forschern als priming bezeichnet werden.


Wenn wir uns ein schönes, komfortables Auto – etwa eine Geländelimousine – zulegen wollen, treiben positive Assoziationen (Komfort und Dominanz) unsere Kaufentscheidung. Gibt man uns vorher einen kritischen Zeitungsbericht über steigende Ölpreise zu lesen, so fördert das negative Assoziationen und beeinflusst unterschwellig unsere Kaufabsicht. Solche unterschwelligen Effekte bezeichnet man als priming. In dem sehr lesenswerten Review To buy or not buy? A review of affective priming in purchase decision kommentieren Gabriel und Daniel Mograbi aktuelle Studien. In künftigen Blog-Beiträgen wird dieser Review noch ausführlich besprochen.

Fernsehzuschauer des Spiels Österreich-Deutschland
(Abgebildet ist ein Ehepaar aus Castrop-Rauxel, das wenig Begeisterung in Bezug auf die Leistung der deutschen Nationalmannschaft zeigt.)

Eine seriöse priming-Studie ist mit Aufwand und Kosten verbunden. Man muss sich vorher ein plausibles Szenario für die Probanden überlegen. Und am Ende wird die Kritik lauten: Das Szenario bildet die wirkliche Lebenswelt der Probanden nicht ab.
Warum dann nicht auf ein Labor verzichten und die Probanden direkt im „echten“ Leben beoabachten? Beim Fußball geht es um Emotionen, die oft nicht nur in den Kategorien positiv/negativ verweilen. Aus positiver Emotion wird Euphorie und aus negativer Emotion wird Empörung.
Im twitter-Thread unter dem Hashtag #autger konnte man sehr gut ein Aufschaukeln der Emotion beobachtet. Durch ausgefeilte Computerprogramme (Sentiment Analysis) kann man hierzu automatische Auswertungen anstellen.
Sehen wir uns den Verlauf am Beispiel des Abwehrspielers Marcel Schmelzer an:

Phase I. Nüchterne Kritik

Schmelzer macht das Spiel unnötig gefährlich

Kann der Schmelzer auch nach vorne spielen? #autger

Schmelzer funzt nur bei Schwatzgelb #autger

Phase II. Negative Kritik

#Schmelzer wie ’ne Bratwurst ! #AUTGER

Schmelzer und Götze zu pomadig … #autger #bxb

Unglaublich! Götze und Schmelzer: Nachsitzen!! #AutGer

Phase III. Empörung

dieser schmelzer kotzt mich an. ich geb nicht auf.. #boateng! #autger

“Da sieht Schmelzer nicht gut aus.“ Der sieht aus Prinzip kacke aus. #autger

Darf ich bitte nomma betonen, dass #Schmelzer der allerletzte Vollidiot iss??? Ja? Danke. Unfassbar, datt so einer #N11 spielt.


Natürlich geht es in diesem Blog nicht um Fußball. Und sicher wird Marcel Schmelzer auch bessere Tage erleben. Aber ihn dürfte durchaus interessieren, wie sich Stimmungen im Netz aufschaukeln.
Folgende Forschungshypothesen würde ich hier ansetzen:
A. Die Zahl der negativen Tweets im Thread erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit der ein nachfolgender Tweet von negativ in Empörung umschlägt.
B. Externe Einflüsse können die Wahrscheinlichkeit für Empörungs-Tweets erhöhen. Wenn ein ARD-Kommentator Begriffe wie „pomadig“ und weitere eindeutig negativ besetzte Attribute erwähnt, wird dies zur objektiven (neutralen) Instanz.
Das selbstreferentielle System Twitter-Thread verschiebt seinen emotionalen Gefrierpunkt und es erfolgt ein negatives priming.
Zusätzlich wäre zu ermitteln, wie angesehene Tweet-Accounts das Geschehen beeinflussen, zum Beispiel:

Sportredaktion ‏@DerWestenSport Die deutsche Abwehr ist ein Wackelgerüst. Alle viere mit Aussetzern! Lahm, Hummels, Badstuber und Schmelzer – sogar Neuer! #autger


Faktoren wie Anzahl der Follower und Tweets etc. wären in der Bewertung zu berücksichtigen. Es gibt also wissenschaftliche Ansätze, die Ausbreitung von Emotion in sozialen Netzwerken zu untersuchen!
Nachbemerkung.
Ich konnte selbst einen Priming-Effekt bei mir beobachten. Dazu muss ich zunächst bekunden, dass ich Mehmet Scholl sehr schätze und ihn gerne als Kommentator im Fernsehen sehe.
Zwischendurch hatte ich einen dieser Tweets gelesen:

Oma Scholl hat dem Mehmet wieder einen feinen Pulli für heute Abend rausgelegt…Baaam! #autger


Ich bin sicher, dass mir unter normalen Umständen nichts negatives an der Kleidung von Mehmet Scholl aufgefallen wäre. Aber nun… Unterschwellig musste ich denken: „Aha, das ist also ein doofer Pullover.“ Das hätte auch ganz anders verlaufen können. Nehmen wir an, jemand hätte getwittert, dass Brad Pitt einen ähnlichen Pullover trägt. Hätte sich dann positive Emotion aufschaukeln können?

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